Vorhersehung

Die EU knickt ein, der griechische Präsident Alexis Tsipras bekommt 86 Milliarden Euro in einem Zeitraum von drei Jahren gegen windige Versprechungen und jeder an den Verhandlungen Beteiligte ist ein Held. Das griechische Drama und seine heute beschlossene Verlängerung wurden bereits im Jahre 1985 von weitsichtigen deutschen Top-Ökonomen vorhergesagt. Dies wurde seitdem in Deutschland und mit Sicherheit auch in vielen anderen Ländern per TV und Radio verbreitet. Es steht zu vermuten, dass die Auguren den damals neun Jahre alten Alexis Tsipras mit ihrem präzisen Ablaufplan nachhaltig beeinflusst haben. Allerdings scheint Tsipras das Ende verdrängt zu haben. Und vor allem: er hat nicht bedacht, dass Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble das Ende auch bekannt war.

In einem echten Drama müssen die Verhandler stets die Nacht durchmachen. Das ist wichtig, denn sonst könnte der gemeine Bürger ja auf die Idee kommen, das Verhandlungsergebnis sei schon lange vorher festgelegt worden und man habe einfach nur zugewartet.

So werden in den Medien denn auch munter Fotos verbreitet, die zeigen, wie Anwesende an den Tischen den versäumten Schlaf nachholen.

Und dann – trara! – wird am frühen Morgen ein Ergebnis verkündet, das nun alle glücklich macht. Der Focus meldet um 9:32 Uhr: Einigung im Griechen-Poker! Nach 17 Stunden ist Tsipras weichgeklopft – Jetzt spricht Merkel. Wir Deutschen weinen vor Glück, dürfen wir doch wieder das größte Risiko tragen und für die meisten Milliarden geradestehen. Wir erleben unsere Kanzlerin auf phoenix HD und erfahren so einiges – siehe unten.

Da verkommt es zur Randnotiz, dass auch noch Parlamente in der EU zustimmen müssen. Denen wird man ihre Zustimmung durch großzügige Geldversprechen schon abkaufen. Jean-Claude Juncker ist happy: es wird keinen Grexit geben, no matter what. Immerhin macht man dieses Mal den Versuch oder tut zumindest so, Griechenland so zu reformieren, wie ich es schon seit langem fordere. Man wird aber schon bald sehen, dass es sich wieder nur um Lippenbekenntnisse handelt. Bisher hat Griechenland noch stets Versprechen gemacht und sie nicht gehalten.

Hier noch einmal die Chronologie des Dramas in sieben Akten.

Akt 1

Der Kühlschrank ist leer, das Sparschwein auch.
Ich hab seit Wochen kein Schnitzel mehr im Bauch.
Der letzte Scheck ist weg, ich bin nicht liquid.
Auf der Bank krieg ich sowieso keinen Kredit.

Akt 2

Gestern enterbt mich auch noch meine Mutter
Und vor der Tür steht der Exekutor.
Mit einem Wort, die Lage ist fatal.
Da hilft nur eins: Ein Banküberfall!

Akt 3

Auf meinem Kopf einen Strumpf vom Palmers
Steh ich vor der Bank und sage “Überfall ma’s!”
Mit dem Finger im Mantel statt einer Puffn
Ich kann kein Blut sehen, darum muß ich bluffen.

Akt 4

Ich schrei “Hände hoch! Das ist ein überfall!
Und seid ihr nicht willig, dann gibt es Krawall!”
Eine Oma dreht sich um und sagt “Junger Mann!
Stell’n Sie sich gefälligst hinten an!”

Akt 5

Nach einer halben Stund bin ich endlich an der Reih
Mein Finger ist schon steif von der blöden Warterei.
Ich sag “Jetzt oder nie! Her mit der Marie!”
Der Kassier schaut mich an und fragt “Was haben Sie?”

Akt 6

Ich sag “An Hunger und an Durst, und keinen Plärrer!
Ich bin der böse Kassenentleerer!”
Der Kassier sagt “Nein, was fällt Ihnen ein?”
“Na gut”, sag ich, “dann zahl ich halt was ein!” [50 Milliarden Euro; bis wann und in welchen Schritten blieb natürlich wieder offen.]

Schlussakkord

Ba Ba Banküberfall, Ba Ba Banküberfall.
Ba Ba Banküberfall, das Böse ist immer und überall.

Quelle: www.songtexte.com. Die Auguren waren die Erste Allgemeine Verunsicherung. Und der griechische Banküberfall ist wohl einmalig in der Geschichte Europas.

Dass das Verhandlungsergebnis überhaupt nichts mit dem zu tun hat, was die Bevölkerungen in den betroffenen Ländern incl. Griechenland wünschen, sei nur am Rande vermerkt. Wenn irgendwann in den nächsten drei Jahren erste Ergebnisse vorliegen, dann werden in der Zwischenzeit schon wieder Parlamentswahlen gewesen sein und niemand wird dann noch verantwortlich für die sich schon jetzt deutlich abzeichnenden Misserfolge sein wollen. Interessant ist auch die Frage, wann wir in diesem 3-Jahres-Zeitraum über ein neues Hilfepaket für Griechenland zu diskutieren beginnen werden. Ein 50 Milliarden Treuhandfonds? Lächerlich. Griechenland hat so gut wie keines der bisherigen Privatisierungsversprechen gehalten.

Mit 86 Milliarden Euro über drei Jahre hat man wieder einmal alle benebelt und sediert. Mit Geld alle Probleme zukleistern, die dann munter weiterwuchern – das ist das einzige, was diese Politiker bisher zu tun in der Lage waren. In drei Jahren wird man sagen: “Huch, jetzt hat Griechenlang ja 400, 500 oder 600 Milliarden Euro Schulden. Ob das Land dieses Geld wohl zurückzahlen kann?” Ein Armutszeugnis.

Immerhin hat sich die griechische Politik über Monate, Jahre und Jahrzehnte in eine derart hoffnungslose Lage manövriert, dass wir zumindest von der Zustimmung des griechischen Parlaments ausgehen können. Denn jemand, der pleite ist, und nun wie Manna vom Himmel und völlig unverdient einen weiteren Milliarden-Einlauf bekommt, der muss schon mit dem Klammerbeutel gepudert sein, um diesen abzulehnen.

Jean-Claude Juncker, Chef der EU-Kommission: “Es wird keinen Grexit geben, so dass wir inhaltlich mit dem Kompromiss zufrieden sein können, den wir gefunden haben.”

Jeroen Dijsselbloem, der Vorsitzende der Eurogruppe: “Die nationalen Parlamente sind wirklich souverän. Sie haben ihren eigenen Zeitplan.” Das bedurfte tatsächlich einer Erwähnung. Denn man könnte schon auf andere Gedanken kommen.

Die Presseschau

Der Griechen-Deal birgt gewaltige Risiken welt.de, 13.07.2015 [“Europas Steuerzahlern, den deutschen vorneweg, werden abermals milliardenschwere Risiken aufgebürdet. Risiken, die sich, einmal eingegangen, kaum mehr beherrschen lassen.”]
Griechenland kapituliert nicht faz.net, 13.07.2015 [Ein guter Kommentar für diese Augenwischerei: “Europa tut so, als würde es Reformen verlangen. Und Griechenland tut so, als würde sich tatsächlich etwas ändern.” Und: “Europa wählt nicht das Ende mit Schrecken, es wählt den Schrecken ohne Ende.”]
Das sind die nächsten Hürden faz.net, 13.07.2015 [In jeder normalen Demokratie würde mindestens eine dieser vielen Hürden gerissen werden. Als Folge würde das Projekt zunächst mindestens für eine halbes Jahr auf Eis liegen. Das wird hier nicht passieren, denn wir haben es nicht mit einer normalen Demokratie zu tun.]
Bosbach: “Das Geld ist verloren und da sollten wir nicht drumherum reden” focus.de, 13.07.2015 [Sehr interessante Kommentare von bekannten Politikern zur heutigen Griechenlandlösung.]
Syriza spricht von “Waterboarding” in Brüssel welt.de, 13.07.2015 [Vielleicht bezeichnet der Fraktionssprecher der regierenden Syriza-Partei im griechischen Parlament, Nikos Filis, dem diese Äußerung zugeschrieben wird, die EU-Politiker wie sein Kollege Varoufakis auch gleich noch als Terroristen. Das wäre doch ein besonders herzliches Dankeschön. Es ist im übrigen nicht auszuschließen, dass die Mehrheit des griechischen Parlaments das mit dem “Waterboarding” und den “Terroristen” genau so sieht. Vielleicht wäre das gar nicht verkehrt, denn der Grexit wäre für die überwiegende Mehrheit der griechischen Bevölkerung die bessere Lösung.]
Merkel und Co. nahmen sich Tsipras im Beichtstuhlverfahren vor welt.de, 13.07.2015
Tsipras lässt sich auf 50-Milliarden-Privatisierungsfonds ein sueddeutsche.de, 13.07.2015
Es gibt eine Einigung: Neue Milliarden für Griechenland faz.net, 13.07.2015
EU-Parlamentspräsident Schulz geschockt im TV: „Eine solche Stimmung habe ich noch nie erlebt“ focus.de, 13.07.2015
Euro-Gipfel erzielt Einigung zu Griechenland welt.de, 13.07.2015
François Hollande : un accord « pour l’intérêt de la Grèce, de l’Europe, de la France » lemonde.fr, 13.07.2015 [Die miserabelste Helden-Rede zum abermaligen Versenken von 86 Milliarden Euro hielt wohl Président Catastrophe, der in seinem Land nichts gebacken kriegt und nun noch einmal einen auf Staatsmann macht.]
Gipfel macht Weg zur Griechen-Rettung frei bild.de, 13.07.2015
Krisengipfel in Brüssel: Euroländer einigen sich mit Griechenland spiegel.de, 13.07.2015
Krisengipfel in Brüssel: Tsipras wehrt sich gegen deutsche Forderungen spiegel.de, 13.07.2015
Gabriel will sich von Tsipras nicht linken lassen welt.de, 12.07.2015 […wird er aber, keine Bange.]

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