Der Morgen danach

Die griechische Regierung hat ihr Referendum mit 61,31% der Stimmen gewonnen. Die Nacht wurde ekstatisch durchgefeiert und es wurden große Reden gehalten. Heute morgen jedoch wird sich der große Kater einstellen – und zwar nicht nur bei den Griechen.

Die blinde Scheckbuch-Politik der Geldgeber und das Leben auf Pump der Kreditnehmer ohne die geringste Reform von irgendetwas – staatliche Strukturen, aufgeblähte, ineffiziente Verwaltung, Wirtschaft, Steuersystem, Katastersystem, Rentensystem, Abbau der allgegenwärtigen Korruption und Einführung von etwas, das auch nur entfernt an Haushaltsdisziplin erinnert – hat zwangsläufig zu diesem showdown geführt. Griechenland ist pleite, der Euro hat für soviel Antagonismus in Europa wie seit Jahrzehnten nicht mehr gesorgt und Abraham Lincoln hat wieder einmal Recht behalten: “You can fool some of the people all of the time, and all of the people some of the time, but you can not fool all of the people all of the time.”

Genau das haben die Griechen jedoch schon vor ihrem EU-Beitritt getan und es seitdem konsequent durchgezogen. Lügen, betrügen, täuschen, tarnen, verschieben: anders wären sie auch nicht in die EU hineingekommen. Wenige Jahre und 500 Milliarden versenkter Euro später nimmt nun auch der letzte mit einem Minimum an Verstand gesegnete westliche Politiker seine rosarote Brille ab und merkt: Ups – einfach nur jahrlang Geld in ein Fass ohne Boden zu blasen war vielleicht doch nicht der richtige Weg. Denn der Steuerzahler könnte ja merken, wie er jahrelang abgezockt und für dumm verkauft wurde, und im Lincoln’schen Sinne sind wir wohl nun ans Ende der Fahnenstange gelangt.

Dabei ist es völlig ohne Belang, ob das Ergebnis des gestrigen Referendums Nein oder Ja lautet. Denn dadurch kommt es ja nicht auf einmal wie durch ein Wunder zu den dringend benötigten Reformen in Griechenland. Das Nein jedoch führt nun “noch” schneller dazu, den geschwächten Körper EU schnellstens der seit langem nötigen Radikaloperation zu unterziehen. Und die lautet: Grexit.

Griechenland benimmt sich wie ein Arbeitsloser, der in der Arbeitsagentur seinem Fallberater erzählt, dieser sei ein Terrorist, er wolle ihn ins Unglück stürzen, das Arbeitslosengeld reiche hinten und vorne nicht und wenn seine Bezüge nicht sofort deutlich erhöht würden, dann würde er, der Arbeitslose, das ganze System zum Einsturz bringen. Die Rache des kleinen Mannes also an der Hand, die ihn jahrelang geduldig gefüttert hat.

Stolz und Würde kann man sich leisten, wenn man an sich gearbeitet und weiterentwickelt hat und dies auch kontinuierlich weiterhin tut. Wenn man etwas geschafft, geschaffen oder gar erschaffen hat. Wenn sich der Stolz aber auf das beschränkt, was die Vorväter vor zweitausend Jahren erschaffen haben, dann ist das als Basis ein wenig dünn. Man braucht nur die vielen Staaten, Firmen und Menschen zu fragen, die schlecht gewirtschaftet haben und in der Folge pleite gegangen sind. Für das Gestern gibt keine Bank neue Kredite. Das sind schwere Zeiten, in denen Kompromisse in jeder Richtung, neue Ideen und neuer Elan gefragt sind, aber nicht das, was die griechischen Regierungen getan haben.

Die Gegner von Scheckbuch-Politik und dem konsequenten Verschließen der Augen vor den Problemen, die eine Einheitswährung bei derartigen Produktivitätsunterschieden wie in der EU mit sich bringt, sehen sich einmal mehr bestätigt. Auch die größten Ideologen kommen am ABC der Wirtschaft nun einmal nicht vorbei; ihre Politik ist krachend gescheitert.

Griechenland untergräbt und gefährdet das europäische Projekt seit vielen Jahren. Die westlichen Hurra-Politiker nehmen nun langsam in Vogel-Strauß-Manier ihre Köpfe wieder aus dem Sand und reiben sich verwundert die Augen. Ihnen dämmert: wenn wir die Griechen weiterhin gewähren lassen, dann wird die EU auseinanderbrechen. Dann wären die letzten Jahrzehnte für die Katz, die europäische Einigung gescheitert. Ein “Weiter so!” wird es also nicht geben. Dazu die polnische Regierungschefin Ewa Kopacz: “Der Weg für Griechenland kann nur einer sein: die Eurozone zu verlassen.” Vielleicht sollten endlich einmal Volksabstimmungen in den Gläubigerstaaten stattfinden, wenn sich vernünftige Politiker wie Kopacz nicht durchsetzen können. Denn mit der Gleichheit in der EU ist es nicht weit her.

Sinn warnt: Ohne Drachme gibt es Strassenkämpfe und Plünderungen focus.de, 06.07.2015 [“Der Ökonom erwartet, dass Griechenland gar keine andere Wahl haben werde, als die Währungsunion zu verlassen und die Drachme wieder einzuführen. Die anderen Euro-Partner würden sich mit einem weiteren Rettungspaket nicht beeilen, sagt Sinn; in der Zwischenzeit werde sich jedoch die Situation vor Ort verschlimmern.”]
In der Euro-Zwickmühle faz.net, 06.07.2015 [Ein sehr guter Bericht, der sachlich Optionen beschreibt. Und der die “Euroretter” als verantwortungslose Schneeballsystemkönige entlarvt: “Die Gläubiger machen es sich zu einfach, wenn sie die Schuld allein bei Tsipras suchen. Zur Kreditvergabe ohne Gefühl für Risiko gehören zwei. Indem die „Euroretter“ zu hohe Alt-Kredite mit neuen Schulden bezahlen wollten, bauten sie ein Schneeballsystem auf, das sie nun begraben könnte. Indem sie die Alternativlosigkeit der Rettung erklärten und die Losung ausgaben, „scheitert der Euro, scheitert Europa“, machten sie sich erpressbar. Indem sie zusahen, wie die bisherigen Athener Regierungen echte Reformen zwar zusagten, sie aber nicht durchführten, sondern hintertrieben, machten sie sich auch noch unglaubwürdig.”]
Jetzt ist sogar der Guerilla-Grexit eine Option welt.de, 06.07.2015 [“Lange galt es als die Utopie von Verschwörungstheoretikern: Was ist eigentlich, wenn Griechenland einfach eigenmächtig weiter Euros druckt? Doch angesichts der schwer angeschlagenen Banken im Land und der zunehmend restriktiven Haltung der EZB kursierten durchaus nach dem Referendum entsprechende Überlegungen in Athen.” Falsch. Das war nicht die Utopie von Verschwörungstheoretikern, sondern von Menschen, die einfach nur 1 + 1 zusammengezählt und dabei nicht zu den hirn- und kritiklosen Eurojublern gehört haben. Aber das Guerilla-Szenario ist ein Horror-Szenario, und die EZB wäre so gut wie machtlos. Es ist unglaublich, dass die EU-Granden seinerzeit so blauäugig und stümperhaft vorgegangen waren und keine Vorkehrungen gegen solchen Betrug getroffen haben.]
“Deutschlands Milliarden sind schon jetzt verloren” welt.de, 06.07.2015 [Falsch, lieber Herr Professor Sinn – unsere Milliarden waren schon von Anfang an verloren.]
Brüssel und Berlin bauen Hürden für Tsipras sueddeutsche.de, 06.07.2015
Lambsdorff fordert Grexit: „Merkel hat uns in eine fatale Verhandlungsposition gebracht“ focus.de, 06.07.2015
Endlich verlässt der große Brandstifter die Bühne welt.de, 06.07.2015
Varoufakis schiebt Rücktritt auf Eurogruppe faz.net, 06.07.2015
„Es wird sich schnell Enttäuschung einstellen“ faz.net, 06.07.2015
Geldgeber verweigern sich: “Griechische Verhandlungsposition dramatisch schwach” focus.de, 06.07.2015
Bauernopfer Varoufakis? Hier jammert sich Griechenlands Finanzminister aus dem Amt focus.de, 06.07.2015
Griechischer Finanzminister Varoufakis tritt zurück sueddeutsche.de, 06.07.2015
Varoufakis tritt zurück faz.net, 06.07.2015
GAU für die Europa: Jetzt muss Merkel Griechenland vor die Wahl stellen focus.de, 06.07.2015
Referendum in Griechenland: Jetzt kommen die bitteren Wochen spiegel.de, 06.07.2015
Luxemburgs Außenminister will Varoufakis ins IS-Gebiet schicken focus.de, 06.07.2015
Greece referendum reaction: EU mulls next steps as vote threatens biggest crisis in its history independent.co.uk, 06.07.2015 [“German Chancellor Angela Merkel is due to meet French President Francois Hollande in Paris on Monday night to discuss the situation, with sources suggesting an emergency EU summit could be held in Brussels on Wednesday. Already there are reports that Greek Prime Minister Alexis Tsipras had spoken with several European leaders, including Mr Hollande and European Central Bank (ECB) president Mario Draghi.”]
Ein Land sagt “Nein” sueddeutsche.de, 06.07.2015
Athens Nein ist auch eine Niederlage für Merkel welt.de, 06.07.2015 [“Überall sonst auf der Welt wird man .. sagen: Guckt mal, die Europäer haben es nicht geschafft, das griechische Problem in den Griff zu bekommen – sprich: Merkel hat es nicht geschafft. Und sie werden sich fragen: Wie wollen sie dann die Ukraine in den Westen integrieren, wo sie doch mit Wladimir Putin einen viel größeren Gegenspieler haben? Und was passiert erst, wenn es den Italienern mal schlechter gehen sollte? Wie können sie das bewältigen, wenn sie beim viel kleineren Athen versagt haben?”]
Der EU droht jetzt ein heftiger Streit über den Grexit welt.de, 06.07.2015
Gabriel sieht Griechen auf “Weg von bitterem Verzicht” welt.de, 06.07.2015
“Das ist Krieg mit finanziellen Mitteln” welt.de, 06.07.2015
Nach dem Drama ist vor dem Drama sueddeutsche.de, 05.07.2015
Grèce : le non au référendum, une défaite pour Angela Merkel lemonde.fr, 05.07.2015 […um nicht zu sagen: eine krachende Niederlage.]
Grèce : à Athènes, les partisans du non célèbrent un moment «historique» lemonde.fr, 05.07.2015
Greece referendum: Greeks say ‘No’ to austerity and plunge Europe into crisis independent.co.uk, 05.07.2015 [“The Syriza-led government in Athens celebrated what it called a victory of democracy over economic “terrorism”… So sollten ich einmal mit meiner Bank reden…]

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